Der Aufstand der Bärtigen

Nichts und niemand könne sie aufhalten und wehe, deren Zorn sei heraufbeschworen – das Ende Uvens, so wie wir es kennen, wäre besiegelt.

Quelle: Der Aufstand der Bärtigen

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Der Aufstand der Bärtigen

Viele Tage und Nächte, ja unzählige Stunden voller Gefahren sind sie nun schon unterwegs. Sie laufen und stolpern, nach dem richtigen Weg suchend und voller Angst vor den Spionen Falfans. Ständig in der Gefahr aufgespürt zu werden und in Gefangenschaft zu geraten – schlimmer noch, gefoltert und ihrer Seele beraubt zu werden. Ihr Leben würde ein jähes Ende finden, gerieten sie in ihre Fänge.

Dieser Ort ist düster und kalt. Die Höhlen Penuliens erstrecken sich über den halben Kontinent und führen tief hinab in den Untergrund Uvens. Kaum ein Wesen hat sich je hierher gewagt. Wer es doch auf sich genommen hat, diesen Weg anzutreten, und sich daran gemacht hat, das Geheimnis dieses Ortes zu lüften, trat eine Reise ohne Wiederkehr an. In den Städten Uvens, unter allen Völkern und gar unter den Weisen kursierten die unheimlichsten Geschichten über die Wesen, die hier ihr Unwesen treiben sollen. Genannt werden sie Karitons, ein Name der Alten, deren Sprache schon lange Zeit in Vergessenheit geraten ist. Nur noch eine kleine Minderheit ist dieser Sprache noch mächtig – jener der Zirfanen. Und so begaben sich die Bärtigen noch vor Antritt ihrer gefährlichen Reise auf den Weg zu den Stränden Milandas. Ohne das Wissen der Zirfanen begäben sie sich auf eine unheilvolle Mission, deren Ende schon vor Beginn besiegelt wäre. Und so kam es, dass sich die Bärtigen schon der ersten Herausforderung stellen mussten, ehe sie sich überhaubt daran machen konnten, ihre Reise anzutreten. Es musste ihnen irgendwie gelingen auch nur einen der Zirfanen dazu zu bringen ihnen alles über die Karitons zu berichten. Ein beinahe aussichtsloses Unterfangen, wenn man bedenkt, dass Faris‘ Volk es vorzieht zu schweigen. Noch nie ist es einem Wesen gelungen, ihnen auch nur ein Wort zu entlocken – so dringend ihre Bitten auch waren, sie verhallten im Singsang des Summens der Zirfanen.

Sindu, ein junger Krieger der Zirfanen, lockt Poskol in den Tempel der Schlachten des Faris. Mit größter Vorsicht und kaum vernehmbaren Worten berichtet er dem Bärtigen, was er über die drei Jahre seines Lebens hinweg an Wissen über die Wesen sammeln konnte, die ihr Unwesen im tiefen Untergrund treiben. Düster, blutrünstig und gnadenlos sollen sie sein. Selbst der mächtigste Krieger Uvens vermag ihnen nichts entgegenzusetzen, so Sindu. Nichts und niemand könne sie aufhalten und wehe, deren Zorn sei heraufbeschworen – das Ende Uvens, so wie wir es kennen, wäre besiegelt.

[…]

Orfelia

Eins

Sechs lange Tage waren Pascal und Tinte nun schon unterwegs. Es waren stille Tage in denen sie sich so gut wie keine Pause gönnten. Sie wollten keine Zeit verlieren und ihre bisherige Reise hat sie gelehrt vorsichtig zu sein und der trügerischen Ruhe der Ödnis keinen Glauben zu schenken. Kaum waren sie in Ewigtagen aufgebrochen, gelangten sie in eine gänzlich andere Gegend. Von den sanften, in strahlendes Licht getauchten Hügeln rund um die weiße Stadt war hier nun nichts mehr zu sehen. Sie bewegten sich nun durch eine schier unwirkliche Landschaft nördlich von Ewigtagen, dem Dunkelland-Plateau. Es fühlte sich beinahe so an, als wären sie von einem riesigen Vakuum umgeben. In Pascals Zimmer, zuhause in Hamburg, steht eine Schneekugel im Regal gleich neben dem Bett. Ein Geschenk seines Vaters. Wenn er im Bett lag sah er immer hinüber zu dieser Kugel und versank in dieser kleinen, geheimnisvollen Welt im Glas. Nun fühlte er sich wie eine dieser Figuren im Innern dieser Schneekugel.
Der Wind weht eisig und fegt große Wolken kleiner dunkelblauer Federn übers Land. Die Blätter der Blaugrasbäume, die am Fuße der Flügelberge stehen. Es konnte nicht mehr weit sein bis sie ihr Ziel erreicht haben. Bald schon würden sie diesen Ort hinter sich lassen. Diesen Flecken Uvens, der nicht dazu einlädt eine Rast einzulegen. Einem Ort an dem nur Zwielicht herrscht. Nicht dunkel und nicht hell. Halb Tag, halb Nacht. Nichts halbes und nichts ganzes. Ein Ort der einen dazu antreibt möglichst schnell auf die andere Seite der Berge zu gelangen. „Pass bloß auf, dass dir keiner dieser fliegenden Teufel zu nahe kommt! Sie sind kleine Parasiten.“ Tinte schien mit einem Mal munter geworden zu sein. Pascals Miene zeugte nicht gerade von guter Laune. Der lange Fußmarsch der letzten Tage hat ihm ziemlich zugesetzt. Ihm taten die Füße weh und so manches mal fragte er sich, ob sie überhaupt noch vorhanden waren. Er war müde und erschöpft. „Parasiten? Was denn für Parasiten?“ murmelte Pascal genervt. Ihm war nicht ganz klar, was Tinte genau meint und wovon er da spricht. Für ihn flogen da nun wirklich nur kleine weiche Federn durch die Luft. Federn, die ihnen die Sicht nahmen und sich in seinem Haaren zu verfangen drohten. Doch als sich eine von ihnen auf seiner Hand niederließ wusste er nicht so recht wie er sich nun verhalten sollte. „Parasiten? Wieso sagt er so etwas?“ Mit großen Augen sah er diese kleine Feder an, sah sie schweben und tanzen ehe sie sich wieder auf seiner Handfläche niederließ. Er sah, wie sie auf ihrem dicken Ende zu stehen schien. Wie auf einem Bein schien sie zu tanzen und drehte flinke Pirouetten. Wie eine Ballerina aus dem Fernsehen dachte er sich und fand Gefallen daran ihr dabei zuzusehen. Sie wechselte je nach Belieben die Richtung in der sie sich um ihre eigen Achse drehte. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es beinahe so, als würde sie ihren Tanz unterbrechen und für einen Moment zum Stehen kommen, ehe sie wieder an Tempo zulegte und ihren Schwindel erregenden Tanz fortsetzte.

Tinte sah zu Pascal. Einmal mehr hatte er das Gefühl, dass der Junge seinen Worten keine Beachtung schenkt oder ganz und gar mit Geist und Seele zwischen den Wolken wandert. Eine Wanderschaft, die ein hohes Risiko birgt. Ist er doch nirgends so ganz bei der Sache. Halb hier, halb da. Hatte er Tintes Warnung vor den Blaugrasfedern überhaupt verstanden? Was er sah ließ ihm schier den Atem stocken. Pascal stand regungslos in der Landschaft, weitab von Tinte. Er war wohl schon einige Zeit zurückgeblieben ohne dass Tinte es bemerkt hat und doch war er noch nahe genug, um zu sehen wovon Pascal zu fasziniert war.

Panik stieg in ihm auf wie die Lava in einem Vulkan, ehe es zum Ausbruch kommt.

[…]

Das DunkellandPlateau

Die Höhlen Penuliens

Als Falfan sicher war, dass seine Söhne Pentan und Horfon reif genug waren um die Vorsehung zu erfüllen und die Völker zu führen, übergab er ihnen beiden die mächtigsten Waffen Hallenlandes. Seinem ältesten Sohn vertraute er den sehenden Bogen an. Aus lebenden Holz gemacht, geschlagen in den Wäldern Nebelingens. Gefertigt aus dem Leib eines dieser hölzernen Riesen um die sich Mythen und Legenden ranken. Von Mensch gewordenen Bäumen ist die Rede, die die Seelen jener Eindringlinge in sich aufsaugen, die sich in den Tiefen der Wälder von Nebelingen verirren. So besaß auch dieser rätselhafte Bogen eine Seele. Die eines mächtigen und gefürchteten Kriegers, der sich vor langer Zeit in diese Wälder wagte um die Pforte zum Hallenland zu finden. Sein Ziel war es Falfan herauszufordern, ihn vom Thron zu stürzen und seiner dunklen Macht zu berauben. Ein verzweifelter Versuch das Unheil zu beenden, welches Falfan über Uven brachte indem er sich der dunklen Macht zuwandte. Ein Krieger der reinen Herzens war und mit einem solch starken Willen, dass er selbst Sinaris und Safilia auf seine Seite schlug. Ein großer Krieger mit einem wachen Geist und brennender Leidenschaft, die einen der beiden Söhne Falfans in ihren Bann zog und wenn man so will ein Beben durch Falfans Reich stoßen ließ.  Ein Krieger, der einer List erlag und seine Mission nicht erfüllen konnte. Er ließ sein Leben in den Wäldern Nebelingens und wurde eins mit ihm. Er hörte auf den Namen Marin und nun ist es der sehende Bogen, der eben diesen Namen trägt.

Seinem jüngsten Sohn übergab er die fühlende Axt. Falfan selbst schlug sie aus dem härtesten Stein, den die Tiefen des Untergrundes seines Reiches in sich bargen. Mit dem Blut und dem Schweiß Falfans gelang es ihm eine Klinge zu schärfen, die keine Gnade kennt und deren Macht so gewaltig war, dass sie keinen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Nur wer hohen Geistes ist, wessen Herz den Takt der Steine schlägt und Falfans Gunst genießt, der wird ihrer mächtig. Jener kann ihren Willen brechen und sich ihrer Kraft und Stärke bedienen. Er wird eins mit ihr und sie wird sein Leben schützen. Sie wird Gefahren fühlen die ihr Träger nicht wahrnehmen kann. Die Gedanken dieser lebendigen Waffen verbinden sich mit denen ihres Trägers. Beide verschmelzen miteinander und ist der Träger nicht stark genug um diese Bürde zu tragen, ist sein Wille nicht von außergewöhnlicher Stärke, so werden ihre Gedanken zu seinen werden. Dann wird sie nicht länger seine Waffe sein, vielmehr wird er zu ihrer Waffe. Sie wird sein Tun diktieren und er wird nichts weiter sein als ihr hirnloser Träger. Nichts weiter als eine dienende Marionette.

[…]

Im Land der tausend Töne

Das Rauschen des Sogsees lang schon lange Zeit hinter ihnen. Der kleine gläserne Kompass aus Stelzlanden wies ihnen den Weg. Sie hatten keine Eile und die Last, die auf Pascals Schultern lag schien sich mehr und mehr in Luft aufzulösen je weiter sie sich von Mur entfernten. Der Himmel trug ein Kleid aus den unterschiedlichsten Farben. Kräftig und betörend. So wunderschön anzusehen. Selbst der schönste Sommerabend in Hamburg vermochte kein Abendrot bringen, wie es hier irgendwo zwischen Stelzlanden und Ewigtagen der Fall war. Irgendetwas lag in der Luft. Pascal und Tinte fühlten sich seltsam gelöst und geborgen. Jeder Schritt den sie taten schien das gute Gefühl in ihnen zu verstärken. Von der Müdigkeit und Anspannung der letzten Tage war absolut nichts mehr zu spüren. Sie tauchten immer tiefer in Farben dieser Landschaft hinein. Wohin auch immer Pascal seine Blick schweifen ließ, überall waren diese warmen und satten, tiefen Farben. Farben, die sich auf seine Haut legten, sich wie warmes Wasser an ihn schmiegten und ihn nahezu mit Glück umspülten.

Warte nur was es hier alles zu entdecken gibt.“ Pascal war völlig aus dem Häuschen. Zum ersten mal war er hier in der zweiten Welt einfach nur Kind. Im Land der tausend Töne gab es eine wahre Wunderwelt zu entdecken. In den Wäldern dieses kleinen Reiches wurde Fantasie zur Wirklichkeit. Vom Harfenfarn, der im Wind die schönsten Melodien zu spielen begann bis hin zu den Früchten des Pianobaumes, die wenn sie reif sind zu Boden fallen und dort ein lustiges Musikstück zum Besten geben ehe sie still liegen bleiben. Abhängig davon wie man sie bewegte, ob man sie nun warf oder über den Boden rollen ließ kamen die komischsten Töne zustande. So konnte man sie wie Murmeln werfen und heraus kam eine sanfte, beinahe verträumte Ballade oder man warf sie mit voller Wucht zwischen die umher stehenden Baumstämme, sodass man Pingpong spielen konnte. Ein dramatisches, fast schon gruseliges Musikstück klang durch den Wald und Pascal bekam Gänsehaut. Er war so aufgeregt und konnte es kaum erwarten weiter mit den Pianomurmeln zu spielen. Doch vorher wollte er Tinte unbedingt noch von seiner Entdeckung berichten und hoffte, dass er mit ihm auf Entdeckungsreise der musikalischen Art geht.

Doch Tinte war mit einer ganz anderen Entdeckung beschäftigt. Einer jener Sorte, die nichts Gutes verhieß. […]

Orfelia

Orfelia

Sechs lange Tage waren Pascal und Tinte nun schon unterwegs. Es waren stille Tage in denen sie sich so gut wie keine Pause gönnten. Sie wollten keine Zeit verlieren und ihre bisherige Reise hat sie gelehrt vorsichtig zu sein und der trügerischen Ruhe der Ödnis keinen Glauben zu schenken. Kaum waren sie in Ewigtagen aufgebrochen, gelangten sie in eine gänzlich andere Gegend. Von den sanften, in strahlendes Licht getauchten Hügeln rund um die weiße Stadt war hier nun nichts mehr zu sehen. Sie bewegten sich nun durch eine schier unwirkliche Landschaft nördlich von Ewigtagen, dem Dunkelland-Plateau. Es fühlte sich beinahe so an, als wären sie von einem riesigen Vakuum umgeben. In Pascals Zimmer, zuhause in Hamburg, steht eine Schneekugel im Regal gleich neben dem Bett. Ein Geschenk seines Vaters. Wenn er im Bett lag sah er immer hinüber zu dieser Kugel und versank in dieser kleinen, geheimnisvollen Welt im Glas. Nun fühlte er sich wie eine dieser Figuren im Innern dieser Schneekugel.

Der Wind weht eisig und fegt große Wolken kleiner dunkelblauer Federn übers Land. Die Blätter der Blaugrasbäume, die am Fuße der Flügelberge stehen. Es konnte nicht mehr weit sein bis sie ihr Ziel erreicht haben. Bald schon würden sie diesen Ort hinter sich lassen. Diesen Flecken Uvens, der nicht dazu einlädt eine Rast einzulegen. Einem Ort an dem nur Zwielicht herrscht. Nicht dunkel und nicht hell. Halb Tag, halb Nacht. Nichts halbes und nichts ganzes. Ein Ort der einen dazu antreibt möglichst schnell auf die andere Seite der Berge zu gelangen. „Pass bloß auf, dass dir keiner dieser fliegenden Teufel zu nahe kommt! Sie sind kleine Parasiten.“ Tinte schien mit einem Mal munter geworden zu sein. Pascals Miene zeugte nicht gerade von guter Laune. Der lange Fußmarsch der letzten Tage hat ihm ziemlich zugesetzt. Ihm taten die Füße weh und so manches mal fragte er sich, ob sie überhaupt noch vorhanden waren. Er war müde und erschöpft. „Parasiten? Was denn für Parasiten?“ murmelte Pascal genervt. Ihm war nicht ganz klar, was Tinte genau meint und wovon er da spricht. Für ihn flogen da nun wirklich nur kleine weiche Federn durch die Luft. Federn, die ihnen die Sicht nahmen und sich in seinem Haaren zu verfangen drohten. Doch als sich eine von ihnen auf seiner Hand niederließ wusste er nicht so recht wie er sich nun verhalten sollte. „Parasiten? Wieso sagt er so etwas?“ Mit großen Augen sah er diese kleine Feder an, sah sie schweben und tanzen ehe sie sich wieder auf seiner Handfläche niederließ. Er sah, wie sie auf ihrem dicken Ende zu stehen schien. Wie auf einem Bein schien sie zu tanzen und drehte flinke Pirouetten. Wie eine Ballerina aus dem Fernsehen dachte er sich und fand Gefallen daran ihr dabei zuzusehen. Sie wechselte je nach Belieben die Richtung in der sie sich um ihre eigen Achse drehte. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es beinahe so, als würde sie ihren Tanz unterbrechen und für einen Moment zum Stehen kommen, ehe sie wieder an Tempo zulegte und ihren Schwindel erregenden Tanz fortsetzte.

Tinte sah zu Pascal. Einmal mehr hatte er das Gefühl, dass der Junge seinen Worten keine Beachtung schenkt oder ganz und gar mit Geist und Seele zwischen den Wolken wandert. Eine Wanderschaft, die ein hohes Risiko birgt. Ist er doch nirgends so ganz bei der Sache. Halb hier, halb da. Hatte er Tintes Warnung vor den Blaugrasfedern überhaupt verstanden? Was er sah ließ ihm schier den Atem stocken. Pascal stand regungslos in der Landschaft, weitab von Tinte. Er war wohl schon einige Zeit zurückgeblieben ohne dass Tinte es bemerkt hat und doch war er noch nahe genug, um zu sehen wovon Pascal zu fasziniert war.

Panik stieg in ihm auf wie die Lava in einem Vulkan, ehe es zum Ausbruch kommt.

[…]

Nerwia

Das Rätsel um die Herkunft der Zwillinge

Nur eines stand fest, Falfans Söhne mussten eine Mutter haben. Daran war und ist nichts zu rütteln. Doch wer sie war oder ist, wo sie herkam und wo sie nun ist weiß wohl nur Falfan selbst. Nur er allein weiß um dieses Mysterium und nur er allein kann dieses Geheimnis lüften. Wer mochte sie wohl sein? Nicht zuletzt seine Söhne stellten sich diese Frage. Wie aus dem Nichts tauchten die Zwillinge plötzlich auf. Geboren von einer Unbekannten. Das große Rätsel um die Geburt zweier ungleicher Söhne, Horfon und Pentan, sollte nun die Geschicke Uvens bestimmen. Von jetzt auf gleich war Falfan Vater zweier Söhne. Von da an wurde Uven Stück für Stück eine andere Welt. Seit der Geburt der Zwillinge geriet etwas unaufhaltsam in Bewegung oder vielmehr seit Horfon das Licht der Welt erblickte. Schon im zarten Kindesalter umgab ihn eine dunkle Aura. So sehr Pentan für das Licht stand, so finster war es um das Wesen seines Bruders bestellt. Licht und Schatten, geboren von einem Mysterium. Eines, das für viel Gerede und Spekulationen sorgte. In nahezu jedem Landstrich der Zweiten Welt machten die unterschiedlichsten Gerüchte die Runde und dieses Treiben setzt sich bis heute fort. Verschwörungstheorien wurden gefolgt von bösen Vorahnungen und Vermutungen, dass der immerwährende Kampf zwischen Gomal und Kaltan um die Vorherrschaft auf Uven nun mit den Zwillingen zur Fleisch und Blut gewordenen Realität geworden sei. Beide Mächte wären nun in Menschengestalt mitten unter ihnen. Horfon und Pentan seien nicht von einer Frau geboren, vielmehr seien sie von den Mächten gesandt und nicht von dieser Welt. Zwei Brüder, die das Schicksal Uvens in ihren Händen hielten. Es gab keinen Zweifel daran, dass einer der beiden Brüder den Kampf für sich entscheiden und das Schicksal Uvens besiegeln würde.

Gemurmel und Geraune durchzogen die Straßen und Plätze Uvens, bestimmten die nächtlichen Trinkgelage in den Kneipen und Gasthäusern der Dörfer und Städte. Was kommt da auf uns zu? Was führen die im Schilde und was hat Falfan mit all dem zu tun? Zweifel und Angst lagen in der Luft und aus einigen Gegenden war zu hören, dass wild drauf los gewettet wurde, wer wohl als Mutter beider Kinder in Frage kommt. Welche Liebschaft wäre Falfan wohl am ehesten zuzutrauen? Wäre er denn überhaupt zu so etwas fähig? Wie konnte es passieren, dass er aus heiterem Himmel Vater zweier Kinder wurde ohne je mit einer Frau gesehen worden zu sein? Man machte sich also in jedem Winkel der Zweiten Welt so seine Gedanken und malte sich die wildesten Szenarien aus. Ob nun ernsthaft oder ironisch, besorgt oder gar panisch, wohl kaum ein anderes Thema hielt die Welt in Atem. Nur äußerst selten stieß man auf Gleichgültigkeit und es verwundert wohl kaum jemanden, dass die Quelle eben dieser Gleichgültigkeit in Langnachten liegt. Gaal, der Gelehrte, wusste ebenso wenig über die Herkunft der Zwillinge zu berichten und auf Anfrage wusste er nur eine Antwort zu geben: „Was interessieren schon die Umstände ihrer Niederkunft. Das Wissen oder Nichtwissen darum ändert nichts an ihrer Existenz!“ Doch war Gaals Gleichgültigkeit denn tatsächlich seinem Wesen geschuldet? Ist es denn wirklich die Trägheit und der Hang der Leute von Langnachten, alle Neuigkeiten und Geschehnisse mit einem gelangweiltem Schulterzucken abzutun, der hier in Gaals Worten zum Ausdruck kommt oder steckt gar mehr dahinter?

[…]